Zur Manipulation der Quellen
während der Konservierung und Restaurierung

Der Restaurierungsversuch des Frescos Ecce Homo, das sich im Santuario de la Misericordia in Borja (Provinz Saragossa) befindet und dem Künstler Elías García Martínez zugeschrieben wird, war eigentlich gut gemeint. Eine über 80-jährige Hobbymalerin hat allerdings mit ihrem eigenmächtigen Eingriff das Werk arg beschädigt. Die Nachricht hat im Internet besonders viel Spott ausgelöst, obwohl diese Arbeit nicht weit von dem entfernt ist, was im audiovisuellen Bereich täglich als Restaurierung vermarktet wird, und auch unweit dessen, was das breite Publikum oft als qualitativ besser empfindet als das originale, überlieferte Werk oder Dokument.

Bei der täglichen Arbeit mit audiovisuellen Medien stossen wir äussert leicht an die ethischen Grenzen der Konservierung und Restaurierung. Das Phänomen hat sich mit der technischen Wandlung vom analogen, fotochemischen Labor hin zu den digitalen Möglichkeiten der heutigen IT massiv verstärkt. Wie stark wirkt sich diese Tatsache auf die Quellen aus, die wir heute fabrizieren und den zukünftigen Generationen von Historikern, Wissenschaftlern und Publikum für die Geschichtsschreibung zur Verfügung stellen? Ich möchte einige Gedankenanstösse zu einem kritischeren Umgang mit audiovisuellen Quellen liefern, die einst analog entstanden sind und jetzt digital erhalten werden (müssen).

Grundsätzliches

Der Schweizerische Verband für Konservierung und Restaurierung (SKR) beschreibt in seinem Berufsbild die Restaurierung wie folgt:

Die Restaurierung schliesst alle Eingriffe und Behandlungen ein, die der Wiederherstellung eines bestimmten historischen Zustandes dienen und die zur Lesbarkeit, zur ästhetischen Integrität oder zur erneuten Verwendung eines Objektes beitragen.

Restauratorische Eingriffe sind oft irreversibel und verlangen grösste Sorgfalt bei der Planung, Begründung, Ausführung und Dokumentation.1

Wir erachten es in der täglichen Arbeit unseres Ateliers mit audiovisuellen Medien nur dann sinnvoll, eine Restaurierung vorzunehmen, wenn drei Grundsätze eingehalten und erfüllt werden können:

Die Wahrscheinlichkeit, dass in der Zukunft ein Werk in seiner Integrität weiter erhalten bleibt, ist vergrössert.
Hat nach der Restaurierung die Wahrscheinlichkeit des Überlebens abgenommen, dann ist gewiss etwas schief gelaufen; und wenn die Wahrscheinlichkeit gleich bleibt, dann wurde einfach Geld aus dem Fenster geworfen.
Alle Möglichkeiten der Bearbeitung, die vor einem Eingriff gegeben waren, bleiben auch nach dem Eingriff weiter bestehen.
Wir sind nämlich der Meinung, dass die Restauratoren von heute kein Recht haben, den Restauratoren der Zukunft die Türen zu verschliessen. Im Gegenteil: Die heutige Arbeit muss alle Möglichkeiten für die Zukunft offen halten, ja sogar neue erschliessen. Auch wenn dies in der Praxis nicht immer haargenau umsetzbar ist, sollte aber der Grundsatz dennoch mindestens als Orientierung dienen und in die Richtung weisen, in die man sich bewegen kann und soll.
Jeder Bearbeitungsschritt wurde sorgfältig dokumentiert.
Besonders wichtig finden wir, dass jene Schritte mit aller Offenheit und Transparenz deklariert werden, wo eine Veränderung entsteht, und zwar in erster Linie wenn diese irreversibel ist.

Mit dem Wechsel von der analogen Konservierung und Restaurierung von Filmrollen und Magnetbändern zur digitalen Sicherung und Pflege von Dateien kommen zur Zeit oft nur Informatiker zum Zuge, welche die bewährten Grundprinzipien der Konservierung und Restaurierung nicht kennen. Das ist insofern bedenklich, als unsere Generation die Daten, die sie der nächsten Generation vermacht, so leichthin dem heutigen Gusto entsprechend manipuliert, ohne dass unsere Nachkommen von den ursprünglichen Daten ausgehend eine andere restauratorische Bearbeitung machen könnten. Ich möchte meine Behauptung mit einigen Erläuterungen stützen.

Digitalisierung

Die Schwierigkeiten entstehen bereits bei der Digitalisierung und bei der Wahl des Formates, in dem die digitale Bilddateien generiert werden. Wie viele wissen zum Beispiel, dass die Angabe 4:2:2 eine komprimierte Datei bezeichnet, bei der ein Drittel der ursprünglich vom Bildsensor digitalisierten Bildinformation bereits eingangs von der Graphikkarte wegkomprimiert wurde? Es wird in der Regel als nicht komprimiertes Format gehandhabt und anderen komprimierten Formaten wie 4:2:0 oder wie MPEG-2, MPEG-42 oder ProRes entgegengestellt.

Restaurierung

Der erste Bearbeitungsschritt besteht oft in der vollständigen Stabilisierung des Bildes. Dann wird die Bildinformation ausgebessert. Die meisten Algorithmen, die dazu eingesetzt werden, lösen die Probleme, in dem sie sie ausblenden und eine Unschärfe hinzurechnen. Damit der Zuschauer dies nicht bemerkt, wird in der Regel etwas am Kontrast geschraubt: Steigert man den Kontrast ein wenig, erscheint nämlich das Bild dem menschlichen Auge als schärfer. Und ganz allgemein wird das Korn stark reduziert. Das Resultat sind meistens gestochen scharfe, wie aus Plastik aussehende und eingefrorene Bilder.

Archivierung

Heute wird aus Kostengründen oft nur das Endresultat, also die bearbeitete Datei gespeichert und gepflegt, nicht aber die während der Digitalisierung erzeugte «Ur-Bilddatei». Es ist zudem in der Praxis kaum möglich, die Arbeit so zu dokumentieren, dass der gesamte Prozess nochmals durchgespielt werden könnte, von den Rohdaten der Digitalisierung bis hin zum fertig restaurierten Film oder Video. Und die meisten Archive der realen Welt können es sich heute nicht leisten, die Dateien mehrfach in geografisch getrennten Orten zu sichern, noch sie fachgerecht zu pflegen, das heisst sie ständig zu prüfen und bei Bedarf umzukopieren oder zu migrieren.

 

Aber der Zahn der Zeit nagt unweigerlich am analogen Original. Wenn sich dieses chemisch zersetzt hat, wird es nicht mehr möglich sein, den Urzustand des Werkes oder des Dokumentes zu erkennen: Es wird nur noch dessen manipulierte Digitalisate geben… Deshalb muss weltweit rasch ein Umdenken stattfinden!

Reto Kromer


Anmerkungen

1
restaurierung.swiss/de/konservators-restaurators
[Ich müsste «Zustand[e]s» schreiben: Musikalisch klingt es mit einem «e» zweifelsohne besser, aber der eingefügte Buchstabe in eckigen Klammern würde typografisch bescheuert aussehen.]
2
Der MP4-Container ist eine ISO/IEC-Norm und kann auch nicht komprimierte Inhalte enthalten. In der Regel meint man allerdings unter MPEG-4 stark komprimierte Videoformate wie H.264, die besonders im Internet effizient zum Einsatz kommen, um den Zugang zu Sammlungen zu erleichtern.

Brigitte Paulowitz spreche ich meinen Dank aus.


Reto Kromer, geb. 1963, studierter Mathematiker und Informatiker, Konservator/Restaurator SKR, war von 1998 bis 2003 an der Cinémathèque suisse für Katalog, Konservierung und Restaurierung der Filmbestände verantwortlich. Seit 2004 leitet er reto.ch, sein eigenes Atelier zur Erhaltung audiovisueller Medien. Er ist Lektor an der Akademie der bildenden Künste Wien und an der Universität Lausanne, und unterrichtet zudem an der Hochschule der Künste Bern.


Eine Version dieses Aufsatzes ist erschienen im Filmjahrbuch Cinema (Marburg), Nr. 58 (= «Manipulation», 2013), S. 151–154.


2017–12–31